Mobbing zerstört die Freude am Job in der Pflegebranche

Mobbing am Arbeitsplatz ist ein ernstes Thema. Dass Schüler unter dem Druck durch Klassenkameraden leiden können, ist mittlerweile bekannt. Kinder werden dafür auch immer wieder sensibilisiert. Leider gibt es einige Menschen, die nie verstanden haben, welchen großen, negativen Einfluss Mobbing auf andere haben kann. Oder die sich wider besseren Wissens einen Spaß daraus machen, ihre Macht über andere auszuspielen. Das passiert nicht selten auch am Arbeitsplatz.

Selbst unter Erwachsenen und auch in der Pflege kommen Fälle von Mobbing vor: Durch Kollegen, den Vorgesetzten und manchmal sogar Untergebene. Auf einer eigenen Webseite erklärt ver.di die Folgen und Gefahren von Mobbing. Hier wird die Kündigung der Betroffenen als „Aufgeben“ und „Ziel“ der Mobber dargestellt. Oft genug ist es aber auch nur Gedankenlosigkeit gemischt mit Frust und Stress, der aus Mitarbeitern Mobber macht.

Tratschen ist nicht automatisch Mobbing

Manchmal verdrehen sich ganz alltägliche Dinge allmählich in Mobbingsituationen. Beispielsweise ist es absolut normal, dass es in jeder Organisation „Flurfunk“ gibt – Gespräche zwischen Tür und Angel und vor allem zwischen den einzelnen Bereichen. Auch in der Pflege wird viel getratscht und geklatscht und gequasselt. Nicht immer geht es dabei um Fachthemen. Manchmal steht auch eine aktuelle Nachricht, ein Film oder eben ein Kollege im Mittelpunkt des Gesprächs.

Verteilt sich das gleichmäßig und in alle Richtungen passiert meist nichts Dramatisches – wer investiert schon ernsthaft Lebenszeit und Energie darein, länger über eine neue Frisur oder einen kleinen Fehler zu sprechen? Pflege macht allen mehr Spaß, wenn man sich bald wieder verträgt und gemeinsam einen guten Job macht.

Der Unterschied zwischen Flurfunk und Mobbing

Wenn Anna Stress hat und dadurch einen Fehler macht, kann das ihren Kollegen Bernd logischerweise stressen. Dann ist es manchmal für die Gesamtsituation besser, wenn Bernd sich darüber in der Mittagspause bei Claudia aufregt und den Minifrust verpuffen lässt, bevor er wieder mit Anna spricht. Anna hätte im Stress den Fehler kaum vermeiden können, Bernd hätte durch lautes Meckern nicht geholfen und vor allem hätte Anna sicher keine Zeit, sich das Problem anzuhören. Claudia hört von dem Fehler und kann Bernd Recht geben oder ihn besänftigen. So ist das „Problem“ nie zu einem größeren Anliegen geworden.

Wenn Anna dagegen immer wieder Fehler macht, die vielleicht sogar Patienten gefährden, ist das ein Thema, das Bernd sofort mit ihr besprechen sollte. Oder mit einer Vorgesetzten, wenn Anna nicht für Verbesserungsvorschläge offen ist. Auch in Konfliktsituationen steht die Gesundheit des Patienten (und von Kollegen) an erster Stelle.

Anders sieht es aus, wenn Bernd förmlich darauf lauert, dass Anna einen Fehler macht – Stress oder kein Stress. Ob Anna die Frisur wechselt, eine Aktennotiz nicht ganz leserlich schreibt oder in einem Gespräch über einen Patienten die Augen verdreht: Ab sofort ist jedes kleine Fehlverhalten ein Indiz dafür, dass Anna eine schreckliche Person und inkompetente Arbeitskraft ist.

Wenn Bernd seine Besessenheit von Annas „Fehlern“ nicht wegsteckt, sondern laut vor Anna kundtut oder brühwarm an Claudia weitertratscht, ist daran nichts mehr harmlos oder hilfreich. Bernd mobbt Anna – egal, ob die beiden Kollegen im gleichen Team sind oder sich so gut wie nie sehen.

Andere wegekeln oder „kündigen lassen“

Einige „Bernds“ dieser Welt gehen aber noch weiter: Sie belassen es nicht dabei, jede vermeintliche Schwäche ihres Opfers auszunutzen. Sie erfinden zusätzlich Geschichten. Wenn sie in einer Machtposition sind – Vorgesetzte oder einfach nur verantwortlich für die Gehaltsabrechnung – nutzen sie das gnadenlos aus. Oft gilt: Je kleiner das Machtgefälle, umso härter ist es umkämpft. Da kann der Sekretär der Chefin schon mal zum größten Gift-Monster im Unternehmen werden und seinen minimal „höheren Status“ ausnutzen.

Ob aus Unachtsamkeit, Langeweile, um eine sadistische Ader auszuleben oder für das billige Machtgefühl, Einfluss auf das Leben eines anderen genommen zu haben, gehen manche Mobber tatsächlich so weit, andere zur Kündigung zu drängen oder bei Vorgesetzten Geschichten zu erfinden, bis sie gekündigt werden. Dabei muss es nicht mal um fachliche Kompetenz gehen. Wenn der erwähnte Chefsekretär ständig erzählt, wie unangenehm ein Mitarbeiter sei und wie viele Kollegen „extra vorbeikommen, um über ihn zu lästern“, dann steht diese Person bei der nächsten „Umstrukturierung“ oder Kündigungswelle oben auf der Abschussliste.

Sich wehren – und Chefs in die Verantwortung nehmen

Ein böser Nebeneffekt von Mobbing ist, dass sich viele Opfer hilflos fühlen. „Was soll ich schon machen?“, fasst das Gefühl zusammen. Die Treiber von Mobbing sind sich immerhin oft nicht für Kindergartengehabe zu schade. Werden sie darauf angesprochen, was passiert, antworten sie mit einem simplen „War ich nicht – habe ich nie gemacht/gesagt/behauptet.“.

Die nächste Etage bei Mobbing auch in der Pflege sind immer Vorgesetzte. Wenn ein Konflikt beginnt, über einen einmaligen Streit hinauszuwachsen, sollte man etwas sagen. Der direkten Vorgesetzten, der nächsthöheren Chefin oder im Zweifel der Chefetage des Unternehmens: Mobbing macht krank und muss früh gestoppt werden.

In unserem Unternehmen wenden wir unterschiedliche Konfliktlösungsstrategien an, damit aus Meinungsverschiedenheiten kein Streit und aus Streit kein Mobbing wird. Dazu setzen sich auch Vorgesetzte gemeinsam mit Betroffenen zusammen, und versuchen die Hintergründe von Wut zu klären.

Denn auch wenn ver.di und Beratungsstellen dazu aufrufen, sich nicht unterkriegen zu lassen, kann bei Mobbing viel an der Chefetage scheitern. Ist die nicht bereit, sich mit Konflikten zu beschäftigen und sie auch in für alle unangenehmen Gesprächen anzusprechen, lautet der häufige Rat tatsächlich zu kündigen und sich einen neuen Job zu suchen. Dann ist die Kündigung durchs Unternehmen schon fast ein Geschenk – selbst wenn es durch Rufmord entstanden ist.